Scène 9

Hass

Wenn die Menschheit mehr Humor hätte wäre Hass nur noch ironisch zu verstehen.

Scène 8

Gut / Besser

Gut wird es nie werden – höchstens besser.

Scène 7

Träume

Es gibt so viel zu träumen… Was fällt da leichter als einfach so einzuschlafen?

Scène 6

Liebe

Nicht der Hass macht aus Menschen Monster – die Liebe tut es.

Scène 5

Älter werden

Je älter wir werden, desto mehr verkommen wir zu unserem eigenen Klischee.

Scène 4

Seine Augen

Wenn er seine Augen schließt, so verhüllt die Scham der Müdigkeit die kunstvollsten Spiegel, in welchen ich mich je betrachten durfte. Diese funkelnden Augen sind wie die glitzernde Oberfläche eines Gewässers, eines Gedankenmeeres, einer Lagune für Perlentaucher. Mit einem schier endlosen Horizont und mit des Himmelszeltes schönstem Ebenbild gesegnet erfüllen Sie jeden, der in sie eintaucht, mit einer waghalsigen Lust am Ertrinken.
Man möchte eintauchen in diese Welt, möchte eins werden, die Wellen am Körper spüren, einen Ritt auf den Wogen wagen, ihm das Salzwasser von den Lippen küssen, ihm erst die Nähe schenken, die Wärme, dann den Atem, dann das Leben.

Scène 3

Orgasmus

Die Dame neben mir an der Bar bestellt einen Orgasmus. Es wird ihr vierter sein an diesem späten Abend. Fröhlich kostet sie ihn aus und fühlt sich beflügelt, einen weiteren zu bestellen. Ihr Mann hatte seit Wochen keinen einzigen. Weil er 51 Jahre alt ist, wie sie mir unzureichend erklärt. Sie sitzt heute ohne ihn an der Bar, hat einen Orgasmus nach dem anderen, schreit jedesmal laut, erfreut sich der Obszönität des Getränkes und genießt das Kribbeln und Kitzeln des leeren Glases. Ihr Mann wird nie erfahren, wie bewusst lasziv ihre durchbluteten Lippen eben noch statt seinem Lippenpaar das Glas liebkosten, eine Orgie, einen Exzess erlebte, ausbrechen wollte aus der biederen häuslichen Existenz zwischen Geburtstagswandkalender und dem Aussortieren alter Illustrierten unter dem aus Stein gemeißelten Sofatisch im Wohnzimmer.

Heute, an ihrem 48. Geburtstag, ist sie noch einmal die eigene pubertierende Tochter, die Explizite, die Schamlose, die Körperliche. Hier und jetzt ist sie nicht mehr sie selbst und doch ist jede Bewegung und jedes Wort Koketterie mit ihrer Jugend, eine Zeitreise in ein Leben ohne Verpflichtung und Haftbarkeit. Eine Zeit, in der das Ansehen einer Aubergine auf frivole Art und Weise unterhaltsam war und man erstmals nicht nur über Sex sprach, sondern ihn stattfinden, ihn zuließ. Sie bestellt sich noch zwei. Orgasmen wären ja sonst nicht so billig zu haben. Wie wahr.

Selbst die Betrachtung dieser Szenerie ist gefühlt illegal und verboten. Sie ist wie der Blick durch das Schlüsselloch ins Schlafzimmer der Eltern, eine Einsicht in das Badezimmer auf der Straßenseite gegenüber. Ich beobachte eine Ehefrau beim Seitensprung ohne Berührung, bei einer fantasierten Sünde. Wenn das so weiter geht wird sie jungfräulich gebären. Ihre Tochter wird Brandy heißen, ihr Sohn Hendricks. Heute Abend ist sie die unaufgeklärte Aufgeklärte und ich der schüchterne Junge, der mit soviel Direktheit überfordert ist. Nein, das ist keine Fantasie. Das ist echte Lust auf ein Abenteuer. Ich drehe mich um und trinke meinen Milchshake. Im Raum weiter hinten sehe ich ihren Ehemann allein am Tisch sitzen. Ein verständnisvolles Nicken, ein Zuprosten. Erste Hilfe am ersten Abend eines neuen Kapitels in seinem Leben.

Scène 2

Auf ein Neues!

Verehrte Freunde, respektable Feinde, Geheimnisvolle… Ich wünsche Euch allen aus tiefsten Herzen und mit kraftvoller Stimme ein obszönes, exzessives, reichhaltiges, unvorhergesehenes, spannungsgeladenes, gefühlvolles, funkelndes, anstößiges, durchaus auch schmerzendes – in jedem Falle vielseitiges – neues Jahr. Ich wünsche Euch eine Achterbahnfahrt die keiner vergessen wird, einen Nervenkitzel wie man ihn sonst nur auf der Drehscheibe eines Messerwerfers erwarten kann, einen Herzschlag wie er rast, wenn Berührungen Bindungen entstehen lassen… Lasst uns gemeinsam das Leben in all seinen Facetten zelebrieren und jedes Gefühl auskosten. Ahoi!

Scène 1

Das Kleid einer Dame

Das Kleid einer Dame ist ist wie ein funkelnder Theatervorhang: Wenn es erst zu Boden gesunken ist wird aus Anonymität eine Identität und aus Liebe wird Leidenschaft. Der interessierter Zuseher vollzieht die sonderbare Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling, von einem Beobachter in einen Täter, wird er nunmehr losgeschickt die Natur neu zu entdecken, Schönheit in Höhepunkten zu erleben und – getrieben von der sündigenden Mutter Natur – die prächtigsten Blüten zu bestäuben.

DANIEL PHILIP SCHUSTER